ODDSET Zukunftspreis

Frühere Preisträger

Netz der Sozialarbeit fängt Talente

Weibliche Talente in der Schul-AG der SG Sossenheim.

Die Tischtennisspieler der SG Sossenheim verbinden Mitgliedergewinnung und Sozialarbeit. Sie kooperieren im Frankfurter Westen mit Schulen und Ämtern und lassen sich viel einfallen, um Migrantenkinder in den Verein zu bekommen.

Ungeduldig warten Isabell und ihre drei kleinen Kolleginnen vor der Turnhalle auf dem gemeinsamen Schulhof der Henri-Dunant-Grundschule und der Eduard-Spranger-Haupt- und Realschule. Alle Jungs der vorhergehenden regulären Schulsport-Stunde müssen draußen sein, dann erst dürfen die Mädchen zur Schul-AG im Tischtennis in die Halle. So ist es verabredet. Da kommt Klaus Deigert und begrüßt die Grundschülerinnen. Der Jugendwart der SG Sossenheim weiß, wie er Kinder bei Laune hält und motiviert. Mit einem Lachen im Gesicht sagt er zu Isabell, die schon das hellblaue Vereinstrikot trägt: „Wenn du weiter so viel trainierst, wirst du noch besser als ich, das geht aber nicht.“ Isabell grinst verschmitzt. Die Grundschülerin gehört zu den ABC-Schützen, die über das Angebot der Schul-AG in den Verein gefunden haben. Später am Nachmittag wird Isabell auch noch am regulären Vereinstraining teilnehmen. Ein Talent ist gefunden.

Genau das war vor mehr als zehn Jahren Triebfeder für den Verein, die Kooperation mit Schulen zu suchen: „Wir dachten schon, dass wir damit Mitglieder gewinnen“, blickt Deigert auf das Ansinnen zurück, Kinder und Jugendliche aus den vielen Familien mit Migrationshintergrund ins Vereinsleben einzubinden. Hier sind 45 Prozent der Einwohner Migranten, Sossenheim wird in einer Sozial-raumanalyse als Stadtteil mit einer „hohen Problemdichte“ eingestuft. In der Henri-Dunant-Grundschule kommen 75 Prozent der Schüler aus Migrantenfamilien.

Vor allem ab dem Jahr 2009 hat der Verein seine Aktivitäten ausgeweitet und den gesamten Stadtteil mit einem Netz an Aktivitäten überzogen: Da gibt es Klassenmeisterschaften für die Schulen, die „Siedlungsmeisterschaften“ für Kinder und Jugendliche der Dunant-Siedlung, ein Familienturnier bindet Eltern ein, es werden Schnupperkurse angeboten, vereinsoffenes Training für Nichtmitglieder und, und, und.

Talentsuche auf dem Schulhof

Die Projektverantwortlichen, von links: Tischtennis-Abteilungsleiter Jürgen Faik, der Vereinsvorsitzende Bernd Flade, Dagmar Raimann, Schulsportleiterin der Henri-Dunant-Grundschule, Tischtennis-Jugendleiter Klaus Deigert und Trainer Markus Reiter. Fotos: Oliver Kauer-Berk

Das Duo Klaus Deigert als „netter Opa für die Kinder“, wie er sagt, und Markus Reiter „als der strenge Trainer“ behält den Überblick. „Wir setzen uns zusammen und planen das Jahr durch“, sagt A-Lizenz-Inhaber Reiter. Der Profi-Trainer stellt sich jedes Jahr an einen Steintisch auf den Pausenhöfen der Kooperationsschulen und testet Schülerinnen und Schüler. Beim „Pausenhof-Tischtennis“ kommen so mehr als 300 „Gegner“ zusammen. Gute Leistungen werden mit farbigen Tischtennisbällen belohnt, beispielsweise dem „Goldenen Ball“ für die Klassenbesten. Reiter merkt sich die Talente, die in der Folge von Lehrkräften angesprochen werden, ob sie nicht Lust auf die Schul-AG hätten.

Dagmar Raimann, Schulsportleiterin der Henri-Dunant-Grundschule, freut sich über das Ergebnis für den Verein: „Einige verhaltensauffällige Kinder sind durch die Schul-AG in den Verein eingetreten.“ Trainer Markus Reiter spielt den Ball zurück, wenn er sagt: „Tischtennis erfordert ein hohes Maß an Disziplin und Konzentration, man muss sich beispielsweise Zahlen merken können. Das macht sich bei einigen später in den schulischen Leistungen bemerkbar.“

Im Training der Schul-AG, die Mädchen und die „wilderen“ Jungen werden getrennt unterrichtet, legt Markus Reiter großen Wert auf die Einhaltung von Regeln und Pünktlichkeit. Während für die kleinere Mädchengruppe ausreichend Platz zur Verfügung steht, drängen sich danach oft drei bis vier Jungs an einem Tisch. „Das ist kein normales Vereinstraining“, sagt Reiter. Ein Spagat ist notwendig, auch weil das Leistungsvermögen so unterschiedlich ist. „Da sind auch welche dabei, die nach einem Jahr schon bei Landesmeisterschaften spielen.“

Neuzugänge und andere Erfolge

Markus Reiter trainiert die Grundschüler.

In das Projekt, das „Der vernetzte Stadtteil“ getauft wurde, sind viele Partner wie Jugendamt, Präventionsrat und das Sportamt der Stadt eingebunden. Die Schul-AG wird zu 75 Prozent durch das Sportamt finanziert, das Jugendamt übernimmt in Einzelfällen die Beiträge für Nachwuchsspieler, die in den Verein gewechselt sind.
Der Erfolg hat sich eingestellt. Binnen 15 Monaten verzeichnete die Tischtennisabteilung 25 Neuzugänge im Jugendbereich; der Zuwachs hat sich damit verdoppelt. Mit der ersten Schülermannschaft ist die SG Sossenheim in die Hessenliga aufgestiegen. Und mit dem auf dem Pausenhof gesichteten Peter Tran stellt der Verein sogar einen Drittplatzierten beim Bundesfinale der Minimeisterschaften. Auf solche sportlichen Ergebnisse sind die Sossenheimer Vereinsverantwortlichen stolz, genauso wie auf die sozialen Wirkungen ihres Engagements in dem Stadtteil mit mehreren Sozialsiedlungen. „Wir bringen den Kindern gruppendynamische Prozesse bei“, sagt Abteilungsleiter Jürgen Faik.
Der Vereinsvorsitzende Bernd Flade unterstreicht: „In unserem Verein sind 47 Nationen vertreten. Wir verhehlen nicht, dass wir Sozialarbeit betreiben.“ Viel Wert werde auf Elterngespräche gelegt und auch auf Aktivitäten außerhalb des Sports wie Gruppenausflüge. Dafür soll nun unter anderem das Preisgeld von 12.500 Euro beim ODDSET Zukunftspreis des Hessischen Sports verwendet werden. Die Ziele gehen den engagierten Sossenheimer Tischtennisspielern noch nicht aus. „Wir möchten Muslime besser einbinden“, wünscht sich Jugendwart Klaus Deigert. Und Trainer Markus Reiter stellt fest: „Es ist aufwändiger, Mädchen in den Verein zu bekommen.“ Noch mehr sollen dem Beispiel von Isabell folgen.

 

Oliver Kauer-Berk